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06.12.2019 20:00 Uhr "Weihnachtsfeier mit drei Kurzvorträgen"
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Handelsrelevante Wirbellose - Neue Wege in der Terraristik?
Von Jörg Hofmann

Unschwer  ist zu erkennen, dass es nicht mehr nur einen reptilien- und  amphibienlastigen Schwerpunkt in der Terraristik gibt, sondern  mittlerweile die Wirbellosen einen großen Anteil der Terrarienbewohner  ausmachen. Als ich Ende der 1970er-Jahre mit der Terraristik begann, gab  es nur einige Vogelspinnenarten, sehr wenige Skorpione und an Insekten  hauptsächlich Stabheuschrecken. Jede erfolgreiche Vogelspinnennachzucht  war eine kleine Sensation, und neue Arten kamen selten und überteuert  als Wildfänge nach Europa meist waren sie in wenigen Tagen abverkauft.  Das Internet gab es noch nicht, und man erwartete sehnsüchtig die auf  Papier gedruckten Preislisten der Reptilienhändler, die ebenfalls auch  die Wirbellosen verkauften. Schaut man sich heutzutage auf Börsen um,  findet man eine große Zahl an Insekten, insbesondere Käfer,  Heuschrecken, Gottesanbeterinnen, Schaben und Wanzen. Dann gibt es  unterschiedlichste Tausendfüßer, Hundertfüßer, Schnecken, Krebse,  Geißelspinnen, Geißelskorpione, Walzenspinnen, Ameisen und so wie früher  diverse Vogelspinnen und Skorpione. Selbst die Schmetterlinge werden  heute auf klassischen Reptilienbörsen angeboten. Ich habe mich schon vor  langer Zeit mit der Vermehrung und Pflege verschiedenster  Schmetterlinge beschäftigt, die unter Entomologen regelmäßig getauscht  wurden. Man bekam eine kleine Anzahl Schmetterlingseier in einem kleinen  Schlauch per Post zugestellt, und schon nach wenigen Tagen schlüpften  die Raupen, fraßen unglaubliche Blättermengen und verpuppten sich. Der  Weg dieser so aufgezogenen Schmetterlinge endete normalerweise im  Tötungsglas und danach auf der Insektennadel im Schaukasten. Der Sinn  dabei war es, den perfekten Schmetterling zu erhalten, ohne  Verletzungen, die die Tiere in der Natur fast schon zwangsweise  erhalten. Noch in den 1990er-Jahren gab es praktisch keine  Überschneidungen zwischen diesen Entomologen und Terrarianern, man  belächelte meine damaligen Versuche noch, Kontakt ins Ausland zu  bekommen, um neue Arten lebend in Menschenobhut zu erhalten und sie  nicht nur aufzupieksen. Spannend waren für die Terrarianer damals eher  die vielen neuen Lampropeltis-Arten  und deren Farbformen, die gerade frisch aufkamen. Trotzdem war die  Entwicklung nicht aufzuhalten. Man findet heutzutage immer mehr  Schmetterlingszüchter auf den Reptilienbörsen, die parallel auch die  klassischen entomologischen Börsen besuchen, wo man praktisch nur tote  Insekten kaufen kann. Die Anzahl der Schachteln mit lebenden Wirbellosen  auf den Börsen nimmt stetig zu, und hier ist die berechtigte Frage zu  stellen, ob die Wirbellosen langsam die Reptilien und Amphibien  verdrängen oder sie nur ergänzen? Nicht nur private Züchter verkaufen  ihre Erfolge, sondern auch gewerbliche Züchter bieten eine große Fülle  an Wirbellosen an, neben den mittlerweile industriell hergestellten  Futtermitteln, wozu nicht nur Futterbreisorten gehören, selbst  Käferlarven fühlen sich in ihrer Entwicklung in  Bodengrund-Fertigmischungen wohl. Sie importieren immer neue Arten, und  die Fülle nimmt von Jahr zu Jahr zu, genau wie die verschiedenen  Internet-Foren über Wirbellose. Hier liegt auch das große Potential der  Tiere, denn selbst wenn man sich nur mit einer Tiergruppe beschäftigt,  wie beispielsweise den Gottesanbeterinnen oder Rosenkäfern, kann man  eine riesige Artenzahl pflegen, und für so manchen Halter wird es  regelrecht zur Sucht, möglichst viele Arten zu vermehren. Bizarr und  kryptisch geformte Mantiden  sind für wenig Geld zu haben und auch hier kommen jeden Monat neue  Arten hinzu die meisten Arten sind gut zu halten und zu vermehren,  jedoch muss man sie praktisch alle einzeln pflegen, ansonsten betrachten  sie sich gegenseitig als Futtertier. Wenige Spezialisten unter den  Gottesanbeterinnen sind problematisch in der Pflege, und mittlerweile  kennt man auch die Tricks beim Futter, denn auch Insekten benötigen eine  abwechslungsreiche Ernährung. Manche Züchter halten die kleinen  Nachzuchten in riesigen Mengen an Plastikschachteln, so pflegeleicht  sind die Insekten. Wenn dann aber zeitgleich zwei oder drei Kokons  schlüpfen, steht man vor einem zeitraubenden Problem, denn die großen  Nachzuchtmengen sind auch nicht so leicht zu verkaufen, gerade der  Winter verschlimmert diese Situation noch. In der kalten Jahreszeit sind  kaum Börsen, und auch der Versandtransport ist bei kalten Temperaturen  problematisch. Täglich sind die Boxen zu versorgen, man muss sprühen,  füttern und Futterreste entfernen, eine stundenlange Beschäftigung für  den erfolgreichen Züchter.

Ganz  andere Probleme hat man bei der Rosenkäferzucht. Hier pflegt man in  erster Linie die dicken Engerlinge; die fressen im Erdreich vergraben  morsches Holz, und sie sind peinlich sauber zu halten, denn ein  Milbenbefall kann tödliche Folgen haben. Woran liegt der Reiz, eine  dicke Larve monatelang zu pflegen, wenn das Vollinsekt in Form des  Käfers nur sechs Wochen lang lebt? Es ist die Schönheit der Tiere, die  sich von reifem Obst ernähren und die man gefahrlos in die Hand nehmen  kann. Auch hier haben Züchter Regale voll mit kleinen Boxen und  beschäftigen sich rührend um ihre krabbeligen Sechsbeiner. Die  Generationsfolge dauert doch wesentlich länger als bei vielen anderen  Insekten, und durch die vollständige Metamorphose  liegt auch immer eine Puppenruhe vor, anders als z. B. bei den  Heuschrecken. Manchmal muss man für große Käfer über die Larvalzeit und  Puppenruhe drei Jahre warten, bis der adulte Käfer schlüpft, was u. a. für den beliebten Herkuleskäfer gilt.

Ein  weiterer positiver Faktor ist sicherlich die kostengünstige  Unterbringung der meisten Wirbellosen, es reichen vielfach Plastikboxen  und Plastikterrarien, teure Beleuchtungstechnik, die bei den meisten  Echsen lebensnotwendig wäre, ist meist gar nicht nötig. Beschränkt man  sich auf wenige Arten, wäre auch der Platzbedarf als gering einzustufen,  Futterkosten sind auch gering, denn für viele Wirbellose muss man das  Futter selbst suchen oder kommt mit preiswerten Heimchen aus. In der  Reptilienhaltung kommt ein weiterer finanzieller Faktor auf die Pfleger  zu, der ebenso wie der zeitliche Aufwand oftmals unterschätzt wird:  Stromkosten! Ein großes Terrarium mit Bartagamen verbraucht  durchschnittlich 300 W Strom, wobei in einem solchen Fall die  Beleuchtungsbedingungen als eher mangelhaft einzustufen sind. Mit 300 W  bekommt man ein Terrarium zwar warm, jedoch kaum ausreichend hell. Wenn  ein Terrarium mit so hohem Energieaufwand geheizt wird, steigt  automatisch die Stromrechnung. Bei kleinen Insektenterrarien sind diese  Kosten jedoch unerheblich und gut zu tragen, solange es sich um wenige  Tiere handelt.

Die  meisten Pfleger wirbelloser Tiere spezialisieren sich jedoch nicht auf  nur eine Gruppe, sondern pflegen verschiedene Insekten, Spinnentiere  oder Krebse zeitgleich oder auch nacheinander. Sie sind allesamt  interessant in ihrer Haltung und ihren Verhaltensweisen. Seit langer  Zeit schon haben sich die Vogelspinnen in den Terrarien etabliert, und  sie werden seit Jahrzehnten reichlich gezüchtet. Hier bekommen  insbesondere Einsteiger in der Wirbellosenpflege für sehr wenig Geld  tolle Tiere, die sehr imposant werden können. Viele junge Vogelspinnen  sind teilweise für 1 bis 5,- € zu haben, was jedoch für ihren Verbleib  in der Terraristik nicht sehr förderlich ist. Wenn erst einmal die  Preise so tief gesunken sind, dann bemühen sich die Züchter weniger, die  Arten zu vermehren, wenn sie sie lange vor dem Verkauf versorgen müssen  und sie nur ein paar Euro dafür bekommen. Durch die hohe  Vermehrungsrate und die durchschnittlich gute Haltbarkeit verfügt der  terraristische Markt in kurzer Zeit über viele Nachkommen einer  Vogelspinnenart, auch der zu Anfang noch seltenen und teuren Arten. Die  Tatsache aber, dass gerade Neuheiten auf dem Markt für sehr viel Geld  gehandelt werden, deutet auf allgemeines großes Interesse hin und  vielleicht auch auf gewerbliches Interesse an der Zucht verschiedenster  Arten. Kauft man sich eine Vogelspinne für 1.000,- €, dann wird man als  Pfleger alles daran setzen, diese Art zu vermehren, denn als erster  Züchter kann man damit in kurzer Zeit viel Geld verdienen. Meist ist man  aber nicht der erste Züchter oder zeitgleich verkaufen auch andere  Halter ihre Nachzuchten, und die Preise fallen extrem schnell. Die  Ernüchterung ist da, sie gilt nicht nur den Vogelspinnenzüchter, sondern  auch für die Reptilienzüchter. Ein Phänomen, das ich schon seit vielen  Jahren immer wieder beobachtet habe. Nach wie vor ungebremst ist das  Interesse an den farbenfrohen Arten der recht friedlichen Gattung Brachypelma und der etwas unruhigeren Poecilotheria.  Fast jeder Spinnenpfleger hat einige Exemplare aus diesen Gattungen,  und neue Arten sind sehr begehrt. Die vor kurzer Zeit erstmals  importiere Poecilothria metallica  erzielte lange Zeit Höchstpreise und gehört seit etwa zwei Jahren zu  den begehrtesten Vogelspinnen überhaupt. Der Pflegeaufwand erwachsener  Vogelspinnen ist sehr gering, solange man eben keine Jungtiere versorgen  muss. Er besteht in erster Linie aus dem Füttern und ab und zu aus  Sprühen, um die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen. Futterreste müssen  regelmäßig entfernt werden, und man kann die meisten Vogelspinnen  problemlos eine Woche ohne Pflege alleine lassen. Mit Reptilien oder  Amphibien kann man das nicht machen. Diese Pflegeleichtigkeit verleitet  Menschen gerne dazu, immer mehr Exemplare anzuschaffen und in eine  regelrechte Sammelwut zu geraten, zumal die Tiere ja auch wirklich  interessant sind.

Bei den Heuschrecken dominierten in den Anfängen noch Stabheuschrecken (Baculum spec.) und Gespenstheuschrecken (Extatosoma tiaratum), heute jedoch wird eine Vielzahl verschiedenster Phasmiden  gepflegt, selbst neu beschriebene Arten finden schnell den Weg in die  Terrarien. Die meisten dieser Arten sind problemlos mit Brombeerblättern  oder Liguster zu ernähren, die man auch bei uns im Winter finden kann,  denn sie werfen ihre Blätter nicht komplett ab. Darunter gibt es aber  extreme Nahrungsspezialisten, die nur Farne fressen. Dank ihrer  Robustheit und hohen Vermehrungsrate, verteilen sie sich schnell unter  den Liebhabern.

Man  darf durchaus von gewissen Trends sprechen, die der Haltung Wirbelloser  Tiere unterliegen. Derzeit erkenne ich zwei Trends (neben den  Rosenkäfern),die ich nur teilweise nachvollziehen kann. Zum einen sind  das Schnecken, besonders die Gattung Achatina, zum anderen die Krabben der Gattung Geosearma,  die gerade häufig gehalten werden. Die Achatschnecken sind sehr leicht  zu züchten, und teilweise werden es gewaltige Tiere von bis zu 500 g  Gewicht! Sie fressen große Mengen an Grünfutter und halten auch schon  mal eine mehrmonatige Trockenruhe im Erdreich vergraben.

Die Vampirkrabben der Gattung Geosearma besiedeln  große Bereiche Südostasiens, die meisten Arten werden aus Indonesien  und den Philippinen importiert, und sie sind problemlos zu züchten. Als  Allesfresser vertilgen sie sämtliches dargereichtes Futter, und sie  halten sich als echte Landkrabben tatsächlich selten im Wasser auf.  Farblich sind sie extrem hübsch gezeichnet und verfügen über ein buntes  Spektrum verschiedenster Farbtöne, je nach Herkunft tragen sie z. B.  rote oder weiße Scheren. Im Terrarium leben die Tiere tagsüber jedoch so  versteckt, dass man sie nur selten zu Gesicht bekommt.

Sehr  seltsame Tiere sind die Tausendfüßer, deren Trend schon vor einigen  Jahren war. Trotzdem werden noch viele Arten gepflegt, und sie gehören  zu den haltbarsten Wirbellosen überhaupt. Sie ernähren sich von  Pflanzenresten und graben sich zur Häutung für einige Tage ein, ebenso  für die Eiablage. Im Terrarium erreichen sie ein Alter von mehreren  Jahren, und sie vermehren sich stetig, ohne jedoch im Bestand zu  explodieren . Der ostafrikanische Archespirotreptus gigas  ist die größte bekannte Art und erreicht Längen von bis zu 38 cm, und  er trägt 256 Beine. Im Terrarium ist er sehr gut haltbar und gehört zu  den beliebtesten Tausendfüßern. Im Vortrag stelle ich viele der kurz  beschriebenen und auch weiteren Arten vor und möchte gemeinsam mit Ihnen  die derzeitige Situation diskutieren. Auf meinen Forschungsreisen in  die Regenwälder Süd- und Mittelamerikas sowie Asiens habe ich viele  verschiede Wirbellose gefunden, die ich Ihnen in Wort und Bild zeigen  möchte, und wir werden versuchen, eine Kamera zu installieren und auf  einer zweiten Leinwand lebende Wirbellose zu präsentieren, um Ihnen eine  ganz besondere Perspektive der verschiedenen Tiergruppen zu eröffnen,  die vielfach nicht sehr groß sind und erst ihre Schönheit in der  Vergrößerung preisgeben.

Autor:
Jörg Hofmann, Hamburg. Hat Biologie und Geographie studiert und war lange Zeit Vorstandsmitglied der DGHT-LV Hamburg, Sachverständiger für die  Hamburger Behörden für Reptilien, Amphibien und Wirbellose. Arbeitete 25  Jahre im Groß- und Einzelhandel für Reptilien.
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